Am Samstag hat mich auf dem Weg nach Roth noch Ute angerufen. Sie hat mir noch ein paar Tipps gegeben und mir viel Erfolg gewünscht. Ausserdem hat sie mir noch angeboten, ich könnte sie heute noch den ganzen Tag und morgen vor (!) dem Rennen anrufen, wenn ich noch Fragen habe. Das kann ich ihr gar nicht hoch genug anrechnen. Obwohl sie ja wieder im Krankenhaus liegt und sich eigentlich um ihre Genesung kümmern sollte, gelten ihre Gedanken “ihren” Sportlern.
Nach dem Rad-Checkin habe ich mich noch mit Steffen und Kirsti getroffen. Die beiden habe ich letztes Jahr im Trainingslager auf Mallorca kennengelernt. Eigentlich wollte Steffen noch mit auf die Wettkampfbesprechung, aber nachdem er doch erst gegen 17:00 in der Wechselzone angekommen war und anscheinend 60% der Leute beschlossen haben, auch um diese Zeit das Rad einzuchecken, war klar, dass er bis 18:00 niemals fertig werden würde. Ich kann jedem nur empfehlen, sein Rad frühzeitig einzuchecken. Ich habe es um 13:30 eingechecked und hatte vielleicht so 8 Leute vor mir. Als ich um 14:00 die Wechelzone verlassen hatte, war niemand (!) am Eingang. Wie auch immer… Die Wettkampfbesprechung brachte nicht allzuviele neue Informationen, wenn man die Startunterlagen genau studiert hat. So damit hatte ich alle Vorbereitungen abgeschlossen, das Rennen konnte kommen.
Die Nacht ist wie erwartet kurz und unruhig. Ich bin so ca. 5mal aufgewacht und habe auf die Uhr geschaut. Aber irgendwann ist es dann 3:45Uhr und ich darf aufstehen. Das Frühstück besteht aus 3 Scheiben Toastbrot, Kaffee und Orangensaft. Danach packe ich noch die restlichen Sachen eing und dann geht es nach Hilpoltstein. Dort angekommen stelle ich fest, dass ich meine Radbrille und Sonnencreme vergessen habe. Na das fängt ja super an. Glücklicherweise habe ich eine zweite Brille im Auto und es wird schon auch ohne Sonnencreme gehen.
Bevor es losgehen kann, muss ich noch zur Oberarmbeschriftung und mein Rad fertig präperieren.
Da ich erst um 7:25 starte, sehe ich noch die ersten wieder aus dem Wasser kommen. Dann gehe ich zur Startlinie.
Schwimmen
Ab dem Zeitpunkt, ab dem ich im Wasser war, ist alle Aufregung weg. Ich positioniere mich eher im hinteren Bereich des Starterfeldes, um den größten Schlägereien zu entgehen. Nach dem Startschuss und ein paar Metern Gedränge finde ich einen freien Bereich und kann schön losschwimmen. Bis zum ersten Wendepunkt kommt es mir schon ewig vor, allerdings schwimme ich gegen Ende so konzentriert, dass ich den Wendepunkt fast verpasse. Erst als ein Schwimmer vor mir einen “Haken” schlägt, schaue ich nach vorne und sehe die Wendeboje direkt vor mir. Nach dem Wendepunkt schwimme ich auf die ersten Schwimmer der letzten Startgruppe auf. Da heisst es schnell ausweichen, sobald eine rote Badekappe vor mir auftaucht. Der Weg bis zum Start zurück vergeht wie im Flug. Von dort muss ich allerdings noch fast bis zur nächsten Schleuse schwimmen. Ich hatte gedacht, dass ich kurz nach der Brücke schon wieder Wenden kann. Dadurch merke ich wie meine Konzentration flöten geht. Ich schwimme im Zick-Zack bis ich mich selbst ermahne wieder konzentriert zu schwimmen. Nach der Wende geht es wieder schnell und ich kann aus dem Wasser. Der erste Teil des Challenge liegt nach 1:14:46 hinter mir. Das war das Ziel, dass ich realistisch erreichen konnte, also alles super weiter so. In der Wechselzone wird mir alles aus meinen Wechselbeutel von einen der fleissigen Helfer gereicht und der Neo eingepackt. Ab zum Fahrrad…
Radfahren
Das Radfahren beginnt mit einem peinlichen Auftritt: Ich hatte meine Schuhe direkt am Rad mit einem Gummiband befestigt. Wenn ich in die Schuhe hineinschlüpfe und die erste Pedalumdrehung gemacht habe reisst der Gummi und es kann losgehen. Das habe ich in den letzten Wettkämpfen immer so gemacht und auch im Training geübt. Diesmal reisst der Gummi nicht, sondern der Schuh klickt sich aus der Bindung aus und hängt am Rad. Also absteigen, Schuh abreissen, Schuh anziehen, wieder in das Pedal einklicken und losfahren. Das ganze dauert so lange, dass ich es mir auch hätte sparen können. Aber egal, jetzt sitze ich auf dem Rad und es kann losgehen. Beim herausfahren höre ich noch meine Eltern mich anfeuern, leider sehe ich sie aber nicht. Bis Eckersmühlen rollt es von selbst und ich kann mich darauf konzentrieren meinen Puls auf ein normales Niveau zu bringen. An meiner Aerobottle habe ich einen Zettel angebracht, der mich daran erinnern soll es ruhig angehen zu lassen. Auf dem Weg zwischen Eckersmühlen und Heideck ist das kein Problem. Nachdem ich in einem Pulk festhänge und ein Kampfrichter vorbeikommt, der alle “zusammenschreit” (O-Ton: “Wir sind doch hier nicht bei der Tour de France”) versuche ich erst einmal nicht zu überholen und bleibe 10m hinter einem anderen Radfahrer und harre der Dinge die da kommen. Am Selingstädter Berg hat sich der Pulk dann relativ aufgelöst und ich kann mein Tempo fahren. Überholen ist zwar immer noch sehr schwer, wenn man die Regel beachten will, die es verbietet eine dritte Reihe aufzumachen. Aber anders habe ich keine Chance, weil sich viele beim Radfahren wie auf der Autobahn verhalten. Sobald ein Rad am Horizont auftaucht, dass man evtl. in der nächsten halben Stunde überholen könnte, wird schon einmal in die Mitte gezogen. Sollte man es dann wirklich geschafft haben an den Radler heranzukommen, wird nicht versucht zügig vorbeizufahren, sondern das Ziel ist es irgendwann in der nächsten halben Stunde den Überholvorgang abzuschliessen. Also stehe ich vor der Entscheidung: 100% regelkonform und praktisch gar nicht überholen können, oder ab in die dritte Reihe zügig vorbei und dann regelkonform weiterfahren. Naja, Glücklicherweise ist es nicht die ganze Zeit so. Ich komme gut voran, alles sieht danach aus, dass ich mein Ziel erreichen kann in 5:30 die 180km zu fahren. Aber ich habe gerade mal 30km hinter mir. Der Gredinger Berg läuft auch relativ flüssig, Puls im grünen Bereich, weiter so. Kurz vor Hilpoltstein muss ich kurz anhalten, die Blase drückt. Danach geht es weiter. Der Solarer Berg ist ein traumhaftes Erlebnis, du wirst von einer fanatischen Menge den Berg hochgeschriehen. Du spürst keine Schmerzen, keine Anstrengung nur die Atmosphäre nimmst du wahr; mit einem breiten Grinsen im Gesicht fahre ich den Berg hoch. Oben angekommen bewahrheitet sich, was ich befürchtet hatte. Den Solarer Berg fährt jeder zu schnell hoch. Mein Puls ist über 170, also erst einmal wieder einen Gang rausnehmen. Kurz vor Abschluss der Runde werde ich noch von Chris McCormack und Thomas Hellriegel überholt. Die beiden fliegen nur so vorbei… Nach 90km bin ich exakt 2:45h unterwegs, jetzt gilt es dranbleiben, damit es mit den 5:30 was wird. Die Beine fühlen sich ok an, doch der Kopf möchte langsamer fahren. Ich muss mich wirklich konzentrieren, dran zu bleiben und Tempo zu machen. Eine gute Zeit bei einer Langdistanz ist zum größten Teil Kopfsache. Klar der Körper muss darauf vorbereitet sein, aber wenn du dich nicht “pushen” kannst, dann kannst du nicht alles aus dir herausholen.
Bis zum Solarer Berg verliere ich in der 2. Runde 7min auf meine 5:30. Am Solarer Berg ist inzwischen etwas weniger los, dafür treffe ich oben Daniel, der mich kräftig anfeuert. Frisch motiviert bleibe ich dran und versuche möglichst viel Zeit wieder aufzuholen, die letzten 20km geht es ja nur bergab. Auf Höhe des Corpus Zentrums steht dann noch mein Bruder und feuert mich an. Ab jetzt heisst es Gas geben. In Sichtweite der 2. Wechselzone, habe ich 5:30 auf dem Tacho stehen. Entweder ich hatte mich verrechnet oder ich habe nochmal 5min aufgeholt. Ich ziehe schnell meine Schuhe aus, um schneller absteigen zu können. Kurz vor der Einfahrt merke ich noch, dass meine Uhr noch am Lenker hängt. Um den Arm bekomme ich sie so schnell nicht mehr, also nehme ich sie in den Mund und gebe mein Rad einem der Helfer. Schnell die Schuhe an, Gels ins Trikot gepackt, Cappy auf und raus aus dem Zelt. Da schon seit gut 2h der Magen rumort, mache ich noch einen Stop im Dixie. Glücklicherweise “nur” Blähungen, die werden mir hoffentlich keine Probleme auf der Laufstrecke machen, bescheren mir aber eine Wechselzeit von 5min.
Laufen
Ich gehe den Lauf relativ offensiv an, weil ich mich noch relativ frisch fühle. Den ersten km geht es bergab und ich passiere den km-Punkt nach 4:40 min. Danach wird der Kurs flach und ich versuche einen Rhythmus zu finden. Allerdings merke ich schon nach 3km, dass das eine harte Nuss wird. Mein Puls liegt bei 170. Ich drossele das Tempo etwas, um gegen Ende nicht einzugehen. Außerdem meldet sich der Bauch wieder, Mist. Eigentlich wollte ich nach 45min noch ein Gel aufnehmen, das kann ich mir aber gerade gar nicht vorstellen. Also gibt es nur Wasser und Cola. Bei km 13 lege ich noch einmal einen Dixie-Stop ein. Danach geht es weiter. An den Verpflegungsständen gehe ich kurz, um genug Flüssigkeit aufzunehmen. Allerdings merke ich, dass mir die Energie ausgeht, weil mein Puls stetig sinkt, obwohl ich versuche Druck zu machen. Innerlich beginne ich meine Zwischenzeiten aufzurechnen gegen die 11:00h Marke. Das Ergebnis ist allerdings immer recht gut. Es kommen immer km-Zeiten über 6 min/km heraus. Eine Tempo, was ich auf jeden Fall durchzuhalten glaube. Was ich dabei glücklicherweise nicht bemerke ist, dass ich keine Zeit gut mache. Das heißt im Klartext ich bin schon beim 6min-Tempo angekommen. Trotzdem habe ich ein Polster von gut 7-8min, das ist gut für den Kopf. Bei km 20 treffe ich das erste mal auf Carsten, Daniel und Rupert (ob alle drei zusammen oder ob jemand gefehlt hat, kann ich mich nicht mehr erinnern, ich war schon zu sehr auf Autopilot), die noch an ein paar Stellen an der Strecke stehen. Danke für die Unterstützung, die hatte ich da schon bitter notwendig. Ab km30 beginnt es richtig hart zu werden. Ich muss zwei Gehpausen einlegen. Mein Zeitpolster ist inzwischen auf 3min gesunken. Also beschließe ich bei km 37 ab jetzt keine Gehpausen mehr einzulegen. Das ziehe ich auch durch, auch wenn ich kurz mit dem Gedanken spiele den Abschlussberg hochzugehen. Aber ich motiviere mich dort hochzulaufen. Am Ende des Bergs gehe ich trotzdem 50m bevor ich loslaufe. Der Zielkanal wartet auf mich. Ich habe es geschafft und bin froh das Ziel erreicht zu haben. Allerdings stellt sich das Grinsen und die überschwenglichen Gefühle, die ich von der ersten Mitteldistanz kenne nicht ein. Zu KO bin ich einfach. Ich bin froh es geschafft zu haben, glücklich mein Ziel erreicht zu haben, auf das ich seit 9 Monaten hingearbeitet habe. 10:58:40h. Erst in der Endversorgung wird mir bewusst, dass ich viel mehr erreicht habe, als ich vor 9 Monaten geplant hatte.
Mein eigener Anspruch war es immer, wenn eine Langdistanz, dann nur wenn sub12 realistisch sind. Insgeheim hatte ich zum Beginn der Road to Roth auf 11:40 spekuliert. Nach dem Traininglager an Ostern und der Leistungsdiagnostik war klar, dass das Ziel machbar wird. Allerdings sind dadurch meine Ziele auch nach sportlicher geworden, ich wollte mehr. Ziel war es eine 5:30 auf dem Rad. Das war nicht meine Idee, sondern Utes Worte bei der Leistungsdiagnostik, die meinte, wenn ich gut arbeite, ist das machbar. Dadurch ist auch das erste mal der Wunsch aufgekommen die 11h-Marke zu knacken. Das ich das Ziel auch erreichen würde, hätte ich nicht gedacht. (Ich gebe zu, das Laufen eines Marathons im Ironman habe ich unterschätzt
)
Was bleibt noch zu erwähnen? Allen voran gilt mein Dank Ute Mückel! Ohne ihre Betreuung, ihre guten Trainingspläne, ihre Motivation hätte ich nie so viele Fortschritte gemacht. Vielen Dank an der Stelle noch einmal! Außerdem danke an alle, die mich am Sonntag angefeuert haben! Es hat mich sehr gefreut, dass mich ein paar Leute unterstützt haben an meinem längsten Tag…
